Wesermarsch: BI sieht rund 500 Häuser durch Torfabbau gefährdet

Seit im Oktober des vergangenen Jahres in Mentzhausen ein Wohnhaus absackte, bangen Nachbarn um die Standfestigkeit ihrer eigenen vier Wände. Die Bedrohung ist ihrer Meinung nach auf den Torfabbau zurückzuführen, der weniger Meter hinter ihren Gartenzäumen unverändert fortgesetzt wird. Die neue niedersächsische Landesregierung will die Zahl neuer Abtorfgenehmigungen drastisch senken und die Moore besser schützen.

Ovelgönne. Der Riss ist deutlich zu sehen, eine Giebelwand muss abgestützt werden. Das Einfamilienhaus im Torfabbaugebiet Mentzhausen, das am 8. Oktober 2012 mit einem lauten Knacken versackte, darf nicht mehr betreten werden. Das Rentnerpaar, das darin wohnte, stand über Nacht vor dem Nichts und kam in einer nahe gelegenen Ferienwohnung unter. Sein Schicksal bewegt seitdem die Menschen in den Torfabbaugebieten von Ovelgönne über Jade bis Marcardsmoor in Ostfriesland, die ebenfalls um die Sicherheit ihrer Häuser bangen.

Ein von den Eigentümern beantragtes Beweissicherungsverfahren läuft zwar noch, und ein erster Verdacht, dass die Rasteder Firma Busch die Gräben im Torfabbaugebiet gleich hinter dem Mentzhausener Haus zu tief ausgehoben haben könnte, hat sich bei einer Überprüfung durch den Landkreis nicht bestätigt. Dennoch sind viele Menschen in Ovelgönne und Umgebung überzeugt, dass es einen Zusammenhang zwischen Torfabbau, dem sinkendem Grundwasserspiegel und dem Versacken des Hauses gibt.

Eine im Mai gegründete Bürgerinitiative gegen den Torfabbau geht davon aus, dass rund 500 Häuser durch den Torfabbau bedroht seien könnten. Als Kernforderung formulierte die Bürgerinitiative, die Vorranggebiete für den Torfabbau aus dem Landesraumordnungsprogramm zu streichen. Das verlangt auch die Gemeinde Ovelgönne, in der nach Angaben von Bürgermeister Thomas Brückmann derzeit 950 Hektar als Torfvorranggebiet ausgewiesen sind. Der Appell wurde inzwischen erhört.

Keine weiteren Genehmigungen?

Ein gutes halbes Jahr, nachdem Umweltschützer die Ausweitung der niedersächsischen Torfvorrangflächen um rund 1000 Hektar durch die schwarz-gelbe Landesregierung und die Zunahme der Abbauanträge beklagt hatten, kündigte der neue grüne Agrarminister Christian Meyer Ende des vergangenen Monats eine Kehrtwende an. Alle 22000 Hektar Torfvorranggebiete sollen demnach bis voraussichtlich 2014 gestrichen werden.

Der Torfabbau wird dadurch allerdings nicht gestoppt. Denn die Abbaugenehmigungen sind in den meisten Fällen längst erteilt und gelten auch in Zukunft. Erst Anfang Juni soll die Gramoflor GmbH & Co. KG, die über große Flächen in Barghorn verfügt, eine Genehmigung zum Abtorfen einer weiteren rund 120 Hektar großen Moorfläche erhalten haben. Der Abbau könnte 20 bis 30 Jahre dauern.

Das absehbare Ende des Rechtsanspruchs auf Abtorfgenehmigungen in den Vorranggebieten sieht Brückmann gleichwohl als wichtigen Schritt an. Falls er am 22. September zum Landrat gewählt wird, will er sich dafür einsetzen, im Rahmen der rechtlichen Möglichkeiten keine weiteren Genehmigungen zu erteilen. Groß ist der Spielraum allerdings nicht. Neue Abbaugenehmigungen können nur versagt werden, wenn auf einer Vorrangfläche ein neues Ziel der Raumordnung festgelegt wird, das dem Torfabbau unweigerlich entgegensteht. Das stellte die Landesregierung kürzlich in einer Antwort auf eine Anfrage der Grünen klar.

Brückmann und der Ovelgönner Gemeinderat wollen bis dahin nicht untätig bleiben. Im April verabschiedete der Rat eine Resolution, in der der Landkreis aufgefordert wird, sämtliche genehmigten Torfabbauvorhaben auf Einhaltung der Genehmigungsauflagen hin zu überprüfen. Eine weiterführende Resolution fand keine Mehrheit. Darin wurde ein Beihilfefonds der Landesregierung gefordert, der betroffenen Menschen in die Lage versetzen sollte, Problemen mit der Standfestigkeit ihrer Häuser durch entsprechende Baumaßnahmen vorzubeugen. Sind bereits Schäden aufgetreten, sollten die Eigentümer Entschädigungsleistungen aus dem Fonds erhalten können.

Überprüfung der Pfahlgründungen

Bürgermeister Brückmann hält auch ohne Unterstützung der Ratsmehrheit an dieser Forderung fest. Denn vor allem ältere Leute hätten bei privaten Banken kaum eine Chance, ein größeres Darlehen für den Erhalt ihrer Häuser zu bekommen. Eine Versicherung, die für Schäden wie an dem Haus der Rentner aus Rüdershausen aufkommt, gebe es nicht. Man kann sich nicht dagegen versichern.

Auch für einen anderen Vorschlag fand Brückmann keine Mehrheit. Dabei geht es um die Fundamente der Gebäude. In Moorgebieten benötigen Häuser zur Standsicherheit in der Regel eine Pfahlgründung, die bei älteren Gebäuden wie dem versackten Haus meist aus Holzpfählen besteht. Stehen sie im Trockenen, können die Pfahlköpfe vermodern und das Fundament verliert seine Stabilität. Kurt Eßmann aus Hiddigwarden hatte angeboten, zusammen mit vier anderen Zimmermann-Meistern im Ruhestand herauszufinden, welche Wohnhäuser in Mentzhausen und Rüdershausen wie gegründet und – möglicherweise – gefährdet sind.

Außerdem möchte Kurt Eßmann versuchen, die Holzpfähle mit einer chemischen Substanz vor dem Vermodern zu bewahren. Die dafür nötige finanzielle Unterstützung aus der Ovelgönner Gemeindekasse lehnte der Verwaltungsausschuss jedoch ab. Das Argument: Es handle sich nicht um eine „Naturgewalt“. Es sei Aufgabe der Hausbesitzer, dem Vermodern der Pfähle vorzubeugen.

Unbewiesen ist bis heute, ob der Torfabbau überhaupt die Ursache für das Absacken des Wohnhauses in Mentzhausen ist. Denn weite Teile der Wesermarsch liegen unterhalb des Meeresspiegels, Mentzhausen und Rüdershausen besonders tief. Wie in der Marsch gibt es auch dort ein ausgeklügeltes System an Gräben, Rohrdrainagen und Schöpfwerken, die die Flächen entwässern und damit erst nutzbar und bewohnbar machen.

Eine mögliche Lösung wäre daher, Gräben um die Häuser zu ziehen, um das Wasser darin aufzustauen. So könnte verhindert werden, dass der Boden, auf denen die pfahlgegründeten Häuser stehen, zu sehr austrocknet. Laut Brückmann hat sich die zuständige Braker Sielacht bereit erklärt, die dazu notwendigen Wehre einzurichten.

Bürgerinitiative sieht rund 500 Häuser gefährdet

Rund 200 interessierte Bürger aus den Gemeinden Ovelgönne und Jade folgten Anfang Mai der Einladung zur Gründung einer Bürgerinitiative gegen den Torfabbau. Die von Edith Schiller und Carsten Meiners angeführte Initiative geht davon aus, dass der Torfabbau an rund 500 Häusern Schäden verursachen könnte.

Noch während des ersten Treffens wurden mehrere Arbeitsgruppen gegründet. Ihre Aufgabe ist es, relevante Informationen zusammenzutragen. Die Fragen, die der Bürgerinitiative am stärksten unter den Nägeln brennen: Welche Auswirkungen hat der Torfabbau? Wer ist betroffen? Wie werden die Flächen vernässt und entwässert? Welche Unterlagen gibt es beim Landkreis Wesermarsch, die als Grundlage für die Verträge der Grundstückseigentümer mit den Torfabbauunternehmen dienen? Erste Ergebnisse sollen nach den Sommerferien zusammengetragen werden. (gj)

Quelle: Weser Kurier, 17.07.2013