Marcardsmoor: Entscheidung zwischen Blumen- und Heimaterde

Nur wenn saueres Moorwasser die Hausfundamente weiterhin konserviert, bleiben die Gebäude stabil.

Ein Traktor mit ungewöhnlicher Fracht rumpelt über unebene Moorwege, auf dem Ladewagen überwiegend Mitglieder des Wiesmoorer Rates. Auf Einladung der Ortsvorsteherin von Marcardsmoor hat sich der Arbeitskreis „Torfabbau“ des Wirtschaftsausschusses am Spätnachmittag getroffen, um von erhöhter Warte Flächen in Augenschein zu nehmen, für die in nächster Zeit Torfabbau beantragt wurde.

Aber es geht nicht nur um die bewirtschafteten Grünländereien, unter denen der Torf als „braunes Gold“ liegt. Torfabbau wird nicht nur die landwirtschaftliche Situation in Matcardsmoor beeinflussen, sondern auch Statik und Bauzustand der dortigen Häuser.

Besonders die beiden historischen Reihenansiedlungen der Moorkolonisten entlang des Ems-Jade-Kanals wären betroffen. Während die Häuser direkt am Kanal, Ende des 19. Jahrhunderts, im wahrsten Sinne „auf Sand gebaut“ wurden, unter dem heute noch eine Torfschicht liegt, sind die Häuser der II. Reihe auf Pfahlfundamenten errichtet worden. Beide Konstruktionen werden instabil, wenn der Wasserstand hier großflächig sinkt. Das kann passieren, wenn die Torfabbauflächen in Richtung der Häuser vergrößert werden. Denn aus technischen Gründen kann nur auf Böden mit abgesenktem Wasserstand maschinell gearbeitet werden.

Die Anwohner kämpfen jetzt um den Erhalt der vorhandenen Wasserstände. Nur wenn saures Moorwasser die Hausfundamente weiterhin konserviert, bleiben die Gebäude stabil.

„Das Wasser muss bei den Häusern bleiben, möglichst anmoorig und mit einem PH-Wert von 3,5“, meint dazu Anwohner Gerd Rust. Am Beispiel aus dem Grund gezogener Fundamentpfähle seines Hauses zeigt er, was Fäulnis anrichten kann, wenn die Pfähle im Untergrund trockenfallen. Er ist deshalb strikt gegen die Ausweitung des Torfabbaus in Richtung besiedelter Gebiete in Marcardsmoor, wie viele andere Anwesende auch.

Örtliche Landwirte fürchten um ihre Produktionsflächen, weil als Folgenutzung des Torfs unter den Grünländereien Naturschutzflächen vorgesehen sind. Die lassen sich dann nicht mehr oder nur extensiv landwirtschaftlich nutzen.

Ortsvorsteherin Frieda Dirks, die sich gegen Ausweitung der Torfgewinnung wehrt, bemerkt aber auch, dass andere Marcardsmoorer Grundeigentümer nicht so denken. Die hohen Pacht- oder Kaufangebote der Torfindustrie reizen sie, ihre Grundstücke zur Verfügung zu stellen und sich mit dem Erlös eventuell woanders niederzulassen. „Darin liegt eine Menge sozialer Sprengstoff für unseren kleinen Ort, er führt auch zu Unfrieden unter den Bürgern“, beklagt sie.

Großmaschinen, die im Torfabbau eingesetzt werden.Großflächiger maschineller Torfabbau führt zu Wasserabsenkungen. Gebäudeschäden können eine Folge sein. Foto: Rainer Köpsell

IGroßmaschinen, die im Torfabbau eingesetzt werden.Großflächiger maschineller Torfabbau führt zu Wasserabsenkungen. Gebäudeschäden können eine Folge sein. Foto: Rainer Köpsell

Einige Hoffnung, den Torfabbau, trotz seiner Vorrangstellung im Raumordnungsprogramm, künftig in gewisse Schranken zu weisen, legt sie in die neue Landesregierung. Am 14. Juni werden Fachleute aus dem Niedersächsischen Umweltministerium erst in Wiesmoor, später in Marcardsmoor, erwartet. Mit ihnen werden die örtliche Politik und Verwaltung, sowie betroffene Bürger, das Thema diskutieren. Alle hoffen auf Klarheit und mehr Planungssicherheit in der schwierigen Materie.

Wegen Torf und Blumenerde wollen einige ihren Grundbesitz und Broterwerb nicht gefährdet sehen. Andere möchten die Chancen und den rechtlichen Rahmen nutzen, ihren Grund und Boden optimal zu vermarkten. Keine leichte Aufgabe, da eine Lösung zu finden, meinen auch mehrere Ausschussmitglieder nach Ortsbesichtigung und spannendem Meinungsaustausch in Marcardsmoor.

Quelle: Ostfriesisches Tageblatt, Anzeiger für Harlingerland vom 10.06.2013