Gnarrenburg kämpft gegen Torfwerk

Gnarrenburg. In keinem Bundesland wird so viel Torf abgebaut wie in Niedersachsen. Die Bürger in Gnarrenburg haben davon die Nase voll. Sie wehren sich gegen ein neues Torfwerk. Seit dem Regierungswechsel in Hannover sind ihre Chancen gestiegen.

Torfabbau in Gnarrenburg (Foto: dpa)

In keinem Bundesland wird so viel Torf abgebaut wie in Niedersachsen. (Foto: dpa)

Kurz hinter den Bauernhöfen endet die ländliche Idylle. Wo sich einst Kilometer weit Moor erstreckte, liegt heute dunkelbraune Ödnis. Schmale Entwässerungsgräben durchziehen das Gelände. Ein Arbeiter in orangefarbener Weste fährt eine kleine Eisenbahn zu einer Hügelkette. Meterhoch haben Planierraupen den Torf aufgetürmt. Jetzt wartet er auf den Abtransport.

In Gnarrenburg im Norden Niedersachsens wird seit Jahrhunderten Torf abgebaut. Doch in der kleinen Gemeinde am nördlichen Rand des Teufelsmoors im Kreis Rotenburg/Wümme geht seit einiger Zeit die Angst um. Ein neues Torfwerk will demnächst auf vielen Hektar den dunklen Rohstoff gewinnen. Das wollen Martina Leitner, Jens Schröter und ihre Mitstreiter unbedingt verhindern. Ihre Bürgerinitiative kämpft seit Monaten gegen diese Pläne. Die neue Landesregierung könnte ihnen nun Rückenwind geben.

Moore, grüne Wiesen, Birkenwälder, Kartoffel- und Getreideäcker – wegen der malerischen Landschaft ist Jens Schröter vor einigen Jahren von Hamburg nach Gnarrenburg gezogen. Jetzt fürchtet er wie viele andere der 9300 Einwohner um seine Lebensqualität, wenn ein neues Torfwerk hinzu kommen sollte. „Dann haben wir eine braune Suppe hier – und zwar über Jahre.“ Die Folgen für die Natur wären katastrophal, meint Leitner. „Staub, Lärm, Bäume und Sträucher werden platt gemacht. Für Tiere und Pflanzen geht wichtiger Lebensraum verloren.“

2400 Hektar sieht das niedersächsische Raumordnungsprogramm in Gnarrenburg als Vorranggebiet für den Torfabbau vor. Es ist damit das größte im Land. „An dem Torfabbau hängen hier natürlich auch Arbeitsplätze“, sagt Bürgermeister Axel Renken (SPD), der dem Torfabbau kritisch gegenübersteht. So fordert er denn auch, dass die dafür vorgesehene Fläche deutlich kleiner wird. Mit ihrer idyllischen Dorflandschaft wirbt die Gemeinde seit einigen Jahren verstärkt um Touristen. „Das könnten wir in Zukunft nicht mehr, wenn die Torfindustrie überall wahllos eingreifen darf“, meint Renken. Doch wehren kann er sich dagegen nicht.

Auf 200 Hektar will das Torfwerk Sandbostel in Gnarrenburg den trockengelegten Moorboden abtragen. „Einen Teil der Flächen haben wir gesichert“, sagt Geschäftsführer Olaf Meiners. Zurzeit lässt er Gutachten zur Umweltverträglichkeit erstellen. Den Vorwurf, dass sein Unternehmen wertvolles Moor zerstört, weist Meiners zurück: „99 Prozent sind zuvor landwirtschaftlich genutzte Flächen.“ Wenn alles gut läuft, könnte er noch in diesem Jahr die Abbauanträge beim Landkreis stellen – und der hat dann kaum Spielräume.

Landrat auf Distanz

„Wenn die Voraussetzungen gegeben sind, müssen wir die Genehmigung erteilen“, sagt Rotenburgs Landrat Hermann Luttmann (CDU). Auch er sieht den Torfabbau kritisch. „Das bringt nichts für den Naturschutz und die Anwohner. Unsere Landwirte sind auf jede Fläche angewiesen.“ Die Kommunalpolitiker hoffen jetzt auf Rot-Grün in Hannover. Im Koalitionsvertrag heißt es, dass die Landesregierung aus Gründen des Klima- und Naturschutzes ganz auf Vorranggebiete für den Torfabbau verzichten will.

Doch was bedeutet das für Gnarrenburg und die anderen 72 Vorranggebiete im Land? Wann könnte ein Gesetz vorliegen? „Natürlich wird die Landesregierung alles dran setzen, den Koalitionsvertrag schnell umzusetzen“, sagt eine Sprecherin des Umweltministeriums. „Konkretes können wir aber noch nicht sagen.“

So lange wollen die Politiker in Rotenburg nicht warten. Sie fordern von der Landesregierung, ein Moratorium zu verhängen, damit der Landkreis erst mal keine neuen Torfabbauvorhaben genehmigen muss. Der Kreistag will den Antrag am heutigen Dienstag beschließen. Eine Zustimmung gilt nach Angaben des Vorsitzenden des Umweltausschusses, Volker Kulik (SPD), als sicher.

Für die Bürgerinitiative ist das ein Etappensieg. „Wir sind zuversichtlicher als vor drei Monaten“, sagt Leitner. Allein auf den Koalitionsvertrag verlassen sie sich aber nicht. Deshalb wollen sie demnächst selbst in Hannover vorstellig werden.

Quelle: Weser Kurier, 12.3.2013