„Torfabbau hat keine Zukunft“

Quelle: Bremervörder Zeitung, 11.12.212, Autor: Thomas Schmidt

Die Spitze der neuen „Bürgerinitiative zum Erhalt unserer Moore“ – hier mit Klenkendorfs Ortsvorsteher Johann Steffens (rechts) – stellte sich und ihre Ziele gestern erstmals der Öffentlichkeit vor. Von links: Martina Leitner, Uwe und Katrin Klose, Eva Janschek, Jens Schröter, Florian Ahrens und Kerstin Klabunde. Auf ihren Plakaten hat die BI die Folgen des Torfabbaus für die Natur deutlich gemacht Fotos: Schmidt

Klenkendorf. Es war der erste große Auftritt der neuen „Bürgerinitiative zum Erhalt unserer Moore“ – bei einem Moorfrühstück in Klenkendorf stellte sich gestern die Bürgerinitiative (BI) vor und rund 120 Bürger aus der gesamten Gemeinde und darüber hinaus folgten der Einladung ins Dorfgemeinschaftshaus. BI-Sprecherin Martina Leitner zeigte sich sehr zufrieden über die große Resonanz auf die Forderungen der Bürgergruppe – und die sind unmissverständlich: „Stoppt den industriellen Torfabbau! Stoppt den Raubbau an unserer Landschaft. Stoppt die Zerstörung unserer Natur!“

Hintergrund des Bürgerprotestes sind Pläne des neu gegründeten Torfwerks Sandbostel, das im Vorranggebiet für den Torfabbau in Klenkendorf, Augustendorf und Heinrichsdorf zurzeit systematisch Flächen ankauft, bald die Torfabbaugenehmigung beim Landkreis Rotenburg zu beantragen (BZ berichtete mehrfach). Während sich im Rathaus Gnarrenburg bereits auch der politische Widerstand gegen die Pläne formiert hat, um sich auf den langen Marsch durch die Institutionen vorzubereiten und für die komplexen Genehmigungsverfahren zu wappnen, hatten in Klenkendorf die Bürger, die sich um die Zukunft ihrer Dörfer sorgen, das Wort. Bei aller Entschlossenheit, gegen die Pläne der Torfindustrie zu kämpfen, schlug BI-Sprecherin Leitner auch versöhnliche Töne an: Es gehe nicht darum, ein „Feindbild“ aufzubauen, sondern auch darum, an einem Runden Tisch zum Schutz des Moores mit allen beteiligten Interessengruppen nach Lösungen zu suchen, damit diese Region eine Zukunft hat. Sollten jedoch die Pläne des neuen Torfwerk in ihrer jetzigen Form Realität werden, sei zu befürchten, dass viele Menschen der Gemeinde Gnarrenburg den Rücken kehrten, dass es mit der Erfolgsgeschichte Tourismus vorbei sei, dass der Wert der Immobilien in den Keller gehe und dass nicht zuletzt auch in einigen Unternehmen Gnarrenburgs die Lichter ausgingen. Umso mehr freue sie sich über die Unterstützung des Wirtschaftsinteressenrings (WIR) für die BI.

Aus ökologischer Sicht sei Torfabbau ohnehin eine große Dummheit, redete sich Leitner in Rage. Es sei geradezu absurd, wenn alle Bürger dazu angehalten werden, aus Klimaschutzgründen, Energie sparende Geräte zu kaufen, aber gleichzeitig in großem Stil Torf abgebaut werde. Schließlich seien die wenigen Moorflächen riesige Speicher für Kohlendioxid. „Torfabbau hat keine Zukunft. Wir brauchen keinen Torf“, fügte sie ganz bewusst mit Blick auf die Gartenbaubetriebe hinzu. Denn Leitner hat mit einem eigenen Unternehmen für naturnahen Gartenbau in Karlshöfenermoor selbst direkt mit der Branche zu tun.

Der Klenkendorfer Uwe Klose, der zu den sieben Aktivisten an der BI-Spitze gehört, beschrieb seine ganz persönliche Motivation, in der Gruppe mitzuarbeiten. Er habe mit seiner Frau vor einigen Jahren Elsdorf verlassen, weil der Lärm der Autobahn irgendwann unerträglich geworden sei. Jetzt sehe er nicht ein, ein zweites Mal zu fliehen – und zwar vor der Torfindustrie, die eine ausgeräumte Landschaft in Ober-Klenkendorf hinterlassen werde, wenn sich niemand wehre. „Natürlich können wir auch wegziehen. Doch die Nachbarn machen es uns schwer, hier wegzugehen.“ Er habe eine unvergleichliche Dorfgemeinschaft vorgefunden, die er nicht mehr missen möchte, sagte Klose und lobte allen voran die „gute Seele des Dorfes“, Johann Steffens, der sich in einem Grußwort ebenfalls vehement gegen die Pläne der Torfindustrie aussprach: „Torfabbau zerstört unsere Landschaft und unsere Dörfer“, fand auch Steffens klare Worte. Er forderte ein für die Region zu erstellendes Zukunftskonzept ein, das darauf abzielen müsse, den ländlichen Raum als Lebens,-, Arbeits-, Erholungs- und Naturraum weiterzuentwickeln.“

Dass dies auch das Ziel der Gemeinde ist, machte Bürgermeister Axel Renken in seinem Grußwort deutlich. Wenn denn schon das Land Niedersachsen nicht in der Lage sei, ein von der Gemeinde gefordertes integriertes Entwicklungskonzept auf die Beine zu stellen, müsse jetzt der Landkreis in die Pflicht genommen werden, das zu erwartende Genehmigungsverfahren nicht einfach nur sauber juristisch „abzuarbeiten“, sondern auch „mit Herzblut und Engagement“ für ein schlüssiges Entwicklungskonzept einzustehen, sagte Renken. Außerdem zeigte er sich erfreut, dass sich Bürger in Gnarrenburg für ihre Gemeinde so engagiert einsetzten: Er verfolge die Pläne der BI mit großer Sympathie, bot seine Zusammenarbeit an. Mit 80 Prozent der Forderungen könne er sich schon jetzt identifizieren, brachte Renken sein Wohlwollen auf den Nenner und ermunterte die BI zugleich, angesichts der bevorstehenden Landtagswahlen die Fraktionen in Hannover und insbesondere die einzelnen Landtagskandidaten zu befragen, wie sie sich zum Thema Torfabbau positionierten.

Eine Landtagskandidatin war bereits gestern vor Ort: Marianne Knabbe (kleines Foto) aus Plönjeshausen. Das Grünen-Kreistagsmitglied versprach der BI ebenfalls Unterstützung. Auch Knabbe verwies auf die große Bedeutung der Moore für den Klimaschutz und warnte vor den Gefahren der Treibhausgase. Sie verwies auf eine Untersuchung derzufolge die Moore, also drei Prozent der Landfläche weltweit, 30 Prozent des Kohlendioxids binden.

Solidarität aus Nachbarkreis

Eine Ermutigung und den Appell, dicke Bretter zu bohren, gab es aus berufenem Munde aus dem Nachbarkreis. Sigrid Meyer-Graft aus dem kleinen Dorf Teufelsmoor im Landkreis Osterholz-Scharmbeck, ermutigte die noch junge Initiative, einen langen Atem zu haben. „Es lohnt sich!“ Nach über sechs Jahren Kampf sei es der dortigen Initiative gelungen, die Torfabbaupläne zu verhindern. Mehr noch: Inzwischen seien die wesentlichen Ziele der Bürgerinitiative zum Moorschutz sogar Teil der offiziellen „Vision Teufelsmoor“ des Landkreises Osterholz geworden. Die „Vision Teufelsmoor“ steht für eine nachhaltige Entwicklung des ländlichen Raumes, für Naturschutz, sanften Tourismus und wird auch von den Aktivisten der Gnarrenburger BI und großen Teilen der Kommunalpolitik als Vorbild für den Landkreis Rotenburg angesehen.

Auch im Internet formiert sich der Widerstand: Die Gnarrenburger BI hat eine eigene Internetseite eingerichtet und ist außerdem unter dem Stichwort „Moorschutz Gnarrenburg“ im sozialen Netzwerk Facebook aktiv. www.moorschutz-gnarrenburg.de

Thema Torf im Rat

Am Montag, 17. Dezember, befasst sich auch der Gemeinderat Gnarrenburg erneut mit dem Thema Torfabbau. Die öffentliche Sitzung findet ab 19 Uhr im Sitzungssaal des Rathauses Gnarrenburg statt. Außerdem stehen eine Einwohnerfragestunde bei Bedarf, ein Bericht des Bürgermeisters über wichtige Angelegenheiten und über wichtige Beschlüsse des Verwaltungsausschusses und der Haushalt 2013 auf der Tagesordnung.